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SONNENUHREN IN TOURAINE UND ANDERSWO
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EINE ANALEMMATISCHE SONNENUHR IN RASHT / IRAN
von Reinhold KRIEGLER


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Rasht oder auch Rescht genannt, liegt circa 25 Kilometer südlich des Kaspischen Meeres am Mündungsdelta des Sefid Rud (Weißer Fluss): 37°16'N 49°36'O. Rasht hat gegenwärtig etwa 394 000 Einwohner. Es ist das Verwaltungs und Handelszentrum der grünen Provinz Gilan. Hier werden Reis, Baumwolle, Erdnüsse ange-pflanzt, es wird Seide hergestellt und es werden Textilien, Nahrungsmittel und Glas produziert. Neben dem modernen, westlich anmutenden Rasht gibt es auch eine historische Altstadt mit meist zweigeschossigen Bauten, mit breiten hölzernen Veranden und roten Ziegeldächern. Die Arbeitslosenrate liegt in Rasht zur Zeit bei 30%. Mir scheint es ein Zeichen großer Hoffnung und großen Zutrauens in eine bessere Zukunft zu sein, wenn sich die Kommune in wirtschaftlich so schwierigen Zeiten entschließt, den Bau einer Sonnenuhr zu fördern und finanziell zu unterstützen.

Die neue analemmatische Sonnenuhr. Im Hintergrund das Gebäude der Astronomischen Ge-sellschaft THAQIB.

In einem neu angelegten Park mit dem Namen Bustan-e Mellat , in dem sich auch das schmucke Gebäude der Astronomischen Gesellschaft THAQIB befindet, wurde am 2. März 2002 im Beisein vieler Ehrengäste und bei strahlendem Sonnenwetter die erste analemmatische Son-nenuhr eingeweiht. Gleichzeitig damit gab es im Gebäude der Astronomischen Gesellschaft eine Photoausstellung mit Sonnenuhren aus aller Welt. Mit dieser analemmatischen Sonnen-uhr sollte der Anfang gemacht werden für einen Sonnenuhrenpark, der einstmals auch - so die etwas kühne Vision - eine Touristenattraktion werden soll. Mit einer analemmatischen Sonnenuhr sozusagen den Reigen zu beginnen scheint mir eine weise Entscheidung gewesen zu sein. Dieser Sonnenuhrtyp benötigt immer einen Menschen, der sich im Zentrum auf der Analemma - Hilfslinie aufstellen muß, um mit seinem Schatten die wahre Ortszeit anzuzeigen. Beim Bau einer analemmatischen Sonnenuhr sind auch eine ordentliche Zahl von Helfern und Mitarbeitern jederzeit willkommen. Dieser Sonnenuhrtyp ist von seinem Wesen her interaktiv und kommunikativ angelegt.

Zweiter von links: M. Bagheri beim Vermessen

Er lädt gleichermaßen zum individuellen Nachdenken über die Zeit, den Lauf der Zeit ein, wie auch zum Gespräch mit Passanten, die des Weges kommen. Spiritus Rector dieser Sonnenuhr war Prof. Mohammad Bagheri aus Teheran. Er hat sehr kenntnisreich in zwei Artikeln, im Compendium 5-4 und Compendium 9-4, der Nordamerikanischen Sonnenuhrgesellschaft über die Geschichte der persischen Gnomonik und über aktuelle Tendenzen im Sonnenuhrbau im Iran berichtet. Es gibt in Iranischen Bibliotheken viele persische und arabische Abhandlungen über Sonnenuhren und Astrolabien, sowie über ihre Konstruktion und den Bau der-selben. Was neuere Literatur anlangt, so scheint es einen erheblichen Nachholbedarf zu geben. Das zuletzt veröffentlichte Buch von M. A. Ahya'i über Sonnenuhren im Iran ist aus dem Jahr 1985 und längst vergriffen. In Persien stand der Bau von Sonnenuhren an Moscheen zur Bestimmung der fünf Gebetszeiten für die gläubigen Muslime früher in großer Blüte. Ähnlich wie in Europa kam es mit der Einführung der Räderuhr zu einer Vernachlässigung der gnomonischen Künste. Die Sonnen-uhren an den Moscheen wurden nicht mehr gepflegt und verschwanden nicht selten. Aber ähnlich wie in Europa, in Nordamerika und SO-Asien gibt es einen grundlegenden Wandel im Bewusstsein. Man besinnt sich des großen historischen Schatzes, erkennt die ganz besondere und vielfältige Qualität von Sonnenuhren und fängt an, neue Sonnenuhren zu bauen und alte wieder zu pflegen und instand zu setzen.


So ist wiederum in Rasht am 27. September 2002 unter dem Dach der Astronomischen Gesellschaft THAQIB eine Sonnenuhrenarbeitsgemeinschaft gegründet worden. Zumeist junge Schulmädchen studieren die Geschichte der Sonnenuhren unter mathematischen, astronomischen und künstlerischen Aspekten. Sie wollen in der Zukunft Sonnenuhren an verschiedenen Orten der Provinz Gilan bauen. Dazu bedarf es neben dem jugendlichen Feuer und der Begeisterung für die wunderbare Sache des großen Gebietes der Sonnenuhren vor allem aber auch eines langen Atems und großer Zähigkeit bei der Realisierung von Vorhaben.

Der Iran ist ein von der Sonne verwöhntes Land, also sind die Voraussetzungen für eine neue Sonnenuhrenblüte bestens. Da mag es auf den ersten Blick vielleicht merkwürdig anmuten, dass die Keimzelle dieser neuen Sonnenuhrenaktivitäten gerade an einem Ort ist, der mit einem Jahresmittel von ca. 1000 mm Niederschlägen reich mit Regen gesegnet ist. Als Bewohner Bremens - mit der höchsten Son-nenuhrendichte Deutschlands - kann ich die iranischen Mädchen nur ermuntern:
Gerade an Orten, an denen sich die Sonne rar macht, schätzt man sie besonders und baut man besonders gern schöne Sonnenuhren!
Wer die neue Sonnenuhrengruppe mit Rat und Tat - dies vor allem - unterstützen möchte, der ist herzlich eingeladen, sich per Post an fol-gende Adresse zu wenden:
Sundial Group c/o Mohammad Bagheri,
P.O. Pox 13145-1785,
TEHERAN, IRAN.

Ich könnte mir vorstellen, dass die sich z.B. über Sonnenuhrbücher aus Europa riesig freuen würden.

Im Internet bieten die Seiten von: Frans W. Maes
einen vorzüglichen Überblick über die analemmatischen Sonnenuhren aus aller Welt. Hier ist auch die erste analemmatische Sonnenuhr aus Rasht vertreten!

Reinhold R. Kriegler,
ReinholdKriegler@hotmail.com