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SONNENUHREN IN TOURAINE UND ANDERSWO
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EINE ÄQUATORIAL SONNENUHR IN FRANKFURT A.M.
von Reinhold KRIEGLER



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Nizza! Nizza in Frankfurt am Main! Nein, das ist nicht so was wie die Fränkische oder Sächsische Schweiz! Bei denen fehlt das Augenzwinkern! Nizza in Frankfurt, das ist eine phänomenale Idee! Frankfurter Stadtgärtner, Frankfurter Politiker sicherlich auch, haben sich das ausgedacht. So lange Städte sich so was ausdenken, so etwas realisieren, erhalten und weiterentwickeln, haben sie eine Zukunft und die Menschen in ihnen! Nizza heißt eine Grünanlage mit südlichem Flair an den Gestaden des Mains, in der sich die gepeinigten und gebeutelten Frankfurter Bürger und Neubürger nach dem verlorenen zweiten Weltkrieg in ihrer ruinierten Stadt in einem üppigen Blumenmeer in den Süden träumen konnten und bis auf den heutigen Tag können.


Es muß eine verrückte Zeit gewesen sein, in der plötzlich Vieles gewagt wurde, was zuvor undenkbar gewesen war! In dieses "Nizza" pflanzten sich die Frankfurter 1951 nämlich eine imposante Äquatorial-Sonnenuhr von dreieinhalb Metern Durchmessern, die in der Zeitschrift "Technischer Ansporn", 1. Jahrgang Nr. 10, 1951, als "Die größte Sonnenuhr der Welt" gefeiert wurde! Als hätte man nichts Vordringlicheres zu tun gehabt!


Dr. Habil. Lothar M. Loske, ein knapp dreißigjähriger Ingenieur und Uhrmachermeister, der nicht einmal aus Frankfurt stammte und auch nicht hier wohnte, hatte dem Vorsitzenden des Aufsichtsrates der Vereinigten Deutschen Metallwerken AG (VDM) in Frankfurt, Herrn Dr. Ing. Alfred Petersen, diesen Floh ins Ohr gesetzt! Die VDM könnten doch so eine schöne, prächtige Sonnenuhr ganz aus Kupfer bauen und sie - und das ist wirklich der Clou der Geschichte - der Stadt Frankfurt schenken. 1949! Wo doch weiß Gott Wichtigeres, Notwendigeres zu tun war und für so was eigentlich weder Geld noch Zeit da war! Aber es gab Menschen mit Visionen, die sahen, daß gerade in so einer Zeit so etwas ungeheuer wichtig ist. Es gab Menschen, die etwas wagten, die improvisierten, die sich mächtig anstrengten, die zusammenarbeiteten und das Unmögliche möglich machten.


Dieses Denken ist in der Stadt Frankfurt immer noch höchst lebendig! Wir wissen alle durch die tägliche Zeitungslektüre, wie angespannt, gelinde gesagt, die finanzielle Situation bundesdeutscher Kommunen und insbesondere auch der Stadt Frankfurt ist. Für die Restaurierung und Neuaufstellung dieser ca. 1000 kg schweren Sonnenuhr war eigentlich kein Geld im Stadt-Säckel. Im Jahr 2004 leistete sich die Stadt Frankfurt jedoch wie weiland 1951 diesen "Luxus". Und genau wie damals ist es hervorragend angelegtes Geld!


Wenn man die 1951 veranschlagten Kosten von circa 21 000 DM als Werbeetat nimmt und sich vorstellt, wie die Stadt Frankfurt seit 1951 auf zahllosen Postkarten und Abbildungen in Zeitschriften und Büchern im In- und Ausland mit eben dieser Sonnenuhr für sich und für den Geist, der in dieser Stadt wehte und weht, werben konnte, dann ist dies wahrhaft gut angelegtes Geld gewesen!


Es ist ja beileibe keine x-beliebige Sonnenuhr, die der junge Ingenieur und Uhrmacher Lothar M. Loske sich da ausgedacht hatte, die er berechnet und gezeichnet hatte! Sie ist gleichermaßen ein Kunstwerk wie ein hervorragendes gnomonisches Meisterwerk! Diese doppelte Meisterschaft zeichnete auch die später realisierten Sonnenuhrenwerke von Herrn Loske aus. Aber es musste noch eine ganz besondere Gabe Loskes hinzukommen: Was nützt die tollste Idee, wenn man sie nicht umsetzen kann! Er konnte Menschen begeistern, er konnte sie mit seinen Ideen anstecken, daß sie Dinge realisierten, die sie zuvor nicht für möglich gehalten hätten.


Wie ging das eigentlich ganz praktisch gesehen vor sich? Das will ich Ihnen gern erzählen, doch vorher muß ich berichten, daß die Sonnenuhr plötzlich weg war! Die Stadt Frankfurt hatte beschlossen, die etwas heruntergekommene Nizza-Anlage neu zu gestalten und von 16,2 Hektar auf 23 Hektar Fläche auszudehnen; 4,5 Kilometer Uferpromenade wurden auf 7,8 Kilometer erweitert! An der Stelle an der die Sonnenuhr 1951 aufgestellt wurde, hatten die umliegenden Bäume eine Höhe erreicht, welche die Sonnenuhr nunmehr zu lange beschatteten. Es wurde auch ein neues Café eröffnet, das mehr Platz brauchte. So entschloß man sich, die Sonnenuhr um circa 1,4 km zu verlegen.


Dr. Achim Loske, der in Mexiko lebende Sohn des 1992 verstorbenen Schöpfers der Frankfurter Sonnenuhr fragte im Januar 2004 bei mir nach, ob ich herausfinden könnte, was mit der Sonnenuhr seines Vaters geschehen sei. Sein Bruder sei im September 2003 besuchsweise in Frankfurt gewesen und habe sie nicht mehr an ihrem Platz gefunden. Herr Friedrich Diestelmeier vom Grünflächenamt der Stadt Frankfurt erteilte mir rasch und freundlich Auskunft und von ihm erfuhr ich auch später, daß bei der Wiedereinweihung der Sonnenuhr am 21. August 2004 ein 84-jähriger Diplomingenieur zugegen gewesen sei, der seinerzeit beim Bau der Sonnenuhr beteiligt gewesen sei. Den schrieb ich sofort an und fragte ihn, ob ich zu ihm nach Frankfurt kommen könne und ihn zu der Sonnenuhr befragen dürfte.


Herr Dipl.-Ing. Kurt Langeloth lud mich zu sich in sein Haus ein und zeigte mir viele interessante Unterlagen von der Baugeschichte der Sonnenuhr. Er erzählte mir auch, wie es dazu kam, daß diese Sonnenuhr tatsächlich gebaut wurde und fuhr zusammen mit mir zum neuen Standplatz der Sonnenuhr am Mainufer.

Frau Loske

Als der Oberingenieur Haase von der Hauptniederlassung Heddernheimer Kupferwerke der Vereinigten Deutschen Metallwerke VDM die Zeichnungen von Herrn Loske zusammen mit der Anfrage erhielt, ob man so etwas bauen könne, hielten alle Verantwortlichen im Werk dies für eine abwegige Schnapsidee. Die Firma war hauptsächlich als Halbzeugwerk konzipiert, das heißt, die hier vorproduzierten Güter wurden in anderen Firmen weiterverarbeitet und verfeinert. Man war also eigentlich weder technisch noch logistisch darauf eingerichtet, so ein diffiziles astronomisches Gerät zu erstellen. So wurde die damalige junge Ingenieurin und spätere Frau Hildegard Langeloth gefragt, ob man denn dieses Sonnenuhren-Werk überhaupt bauen könne. Die tatsächliche Realisierung hing also an einem seidenen Fädchen. Da Frau Langeloth keine Erfahrungen in Astronomie hatte, traute sie sich das anfänglich nicht zu und bat sich eine kurze Bedenkzeit aus. Herr Langeloth bestärkte seine damalige Verlobte, er habe sich als Schüler sehr mit Astronomie beschäftigt und würde sie nach Kräften unterstützen und zusammen würden sie das schon hinkriegen. So kam es, dass der Auftrag angenommen wurde!

Kurt und Hildegard Langeloth.

Doch die Realisierung des Baus zog sich fast zwei Jahre in die Länge. Erst mussten die Aufträge abgearbeitet werden, mit denen man Geld verdiente. Wenn dann zwischendurch Zeit war, widmete man sich der Sonnenuhr. Sechstausend Arbeitsstunden berechnete man am Ende! Akribisch genau wurden die einzelnen Arbeitsschritte vorab geplant, wie man z. B. aus diesem Dokument ersehen kann. Nachdem Herr Loskes Plan durchgerechnet war, stellte Frau Langeloth fest, dass der geplante Tellamon aus Kupfer das Gewicht nicht tragen würde und so wurde Herr Loske gefragt, ob man diesen Haltebügel auch aus Stahl fertigen könne. Dafür waren aber die Kupferwerke nicht ausgerüstet und so musste der Stahlbü-gel in einer Stuttgarter Firma vorgefertigt und in einer anderen Firma kupfern galvanisiert werden.

Kurt Langeloth und Reinhold Kriegler.

Es mussten vielfältige Hürden genommen werden, angefangen von der Materialbeschaffung über die komplizierte Materialbearbeitung bis hin zur Aufstellung am Mainufer. Die fertige Sonnenuhr war nämlich auch auf einem Tieflader immer noch zu hoch für die Straßenbahn-Oberleitungen. So musste man nachts die Oberleitungen abbauen, um das gute Stück von Heddernheim zum Nizza am Main transportieren zu können. Schließlich kam der große Tag der Einweihung. Die feierliche Übergabe der Sonnenuhr an die Stadt Frankfurt im Jahr 1951 fand am 26. April statt, dem Geburtstag von Herrn Loske! Der Oberbürgermeister der Stadt und alle Honoratioren waren zugegen. Es war ein Ereignis, zu dem alle Beteiligten fein gekleidet erschienen.


Wenn man sich diese Sonnenuhr näher betrachtet, staunt man über die wunderschöne Verarbeitung, über die filigrane Verbindung der exakt gebogenen Rohre, über die Eleganz dieses eine Tonne schweren Gebildes. Wie viele tausend exakt durchgeführte Hammerschläge der Lehrlinge waren notwendig, um allein die feine Oberflächenbehandlung zu erzielen, was für ein großes handwerkliches Können war erforderlich, um all die Namen und Daten in diesen großen Ring einzugravieren! Ich sagte ja schon eingangs, dass es keine "gewöhnliche" Sonnenuhr sei. Eine Weltzeitsonnenuhr von diesen Ausmaßen war etwas gänzlich Neues. Nach dem verlorenen Krieg sich wieder nach außen zu orientieren war eigentlich ein Gebot der Stunde. So konnte der interessierte Betrachter der Sonnenuhr nicht nur die Orts- und Zonenzeit, sondern auch die Mitteleuropäische Zeit einschließlich der Zeitgleichung ermitteln. Er durfte selbst Hand anlegen und konnte obendrein noch die wahre Ortszeit von zweihundert größeren und bedeutenden Orten dieser Welt ermitteln.


Welche vielfältigen Gedanken und Ideen in dieser Sonnenuhr realisiert wurden, hat Herr Loske mehrfach vorzüglich selbst beschrieben. Ich empfehle die Lektüre seines Buches Die Sonnenuhren, Kunstwerke der Zeitmessung und ihre Geheimnisse; Zweite, ergänzte Auflage, Springer Verlag 1970 oder auch seinen Aufsatz in der Zeitschrift DIE UHR Nr. 5/ 1950, auf den Seiten 14 - 17, "Weltzeituhr und Horologium Solarium". Dr. Achim M. Loske hat über die Uhr seines Vaters im Compendium, Volumne 6, Number 3, September 1999, S. 12-14, der North American Sundial Society einen Aufsatz veröffentlicht: "The Equatorial Sundial At Frankfurt am Main".
Auf nach Frankfurt also und hin zur Loske- Sonnenuhr am Main! Man findet sie ganz leicht im "Kleinen Nizza" unterhalb der "Schönen Aussicht". Und dann mal, nur so zum Spaß, die wahre Ortszeit für Buenos Aires am Weltzeitring eingestellt und danach auf eine Bank gesetzt und sich die Sonne ins Gesicht scheinen lassen und von Buenos Aires träumen! Wetten, dass Sie diese Sonnenuhr nie mehr vergessen werden!
Ach ja, eine hübsche Fußnote noch zu dieser außergewöhnlichen Sonnenuhr: Der Name Frankfurt hat auf der langen Liste mit zweihundert Ortsnamen rund um den Globus glatt auf dem Weltzeitring gefehlt! Er wurde aber noch auf einem Extraschildchen eingefügt! Man wusste sich eben zu helfen in den frühen Fünfziger Jahren! Genau wie mit dem gemauerten "Fußschemel", der vormals vor die Sonnenuhr gesetzt wurde, als man feststellte, daß etwas kleinere Menschen Schwierigkeiten haben würden, den Weltzeitring exakt an der Einstellmarke für den gesuchten Ort zu justieren. In dem Kästchen war in einem Metallköcher eine Schrift verborgen in der die Namen aller eingetragen waren, die am Bau der Sonnenuhr mitgewirkt hatten. Von der ästhetischen Frage her betrachtet ist die Entscheidung nachvollziehbar, dass man bei der Neugestaltung des nun auch niedrigeren Sockels für die Sonnenuhr auf die Wiederverwendung dieses Utensils verzichtet hat. Vielleicht kann sich aber das Gartenbauamt doch noch dazu durchringen, und nachträglich noch eine filigrane Stehhilfe einbauen.
Ich habe diesmal auf ein gedrucktes Manuskript meines Vortrags verzichtet, weil mein Beitrag in leicht veränderter Form im Jahrbuch 2005 der DGC erscheinen wird und habe lediglich einen Zeitungsausschnitt aus der Frankfurter Neuen Presse für Sie kopiert, sowie einige historische Aufnahmen und die schöne Kurzfassung von Herrn Loskes Lebenswerk: LOTHAR M. LOSKE. EIN LEBEN LANG DER CHRONOMETRIE VERBUNDEN.; aus dem DGC Mitteilungen- Heft 63, August 1993.